Mit dem Atem im Jetzt
- Jörg Kyburz
- vor 10 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Oft merken wir erst, wie laut die Welt in und um uns ist, wenn wir beginnen, still zu werden.
Der Tag war vielleicht gefüllt mit Gesprächen, Gedanken, Aufgaben, Begegnungen. Vieles ist noch da. Noch in Bewegung. Noch nicht zur Ruhe gekommen.
Und doch gibt es in uns einen Ort, der nie laut wird. Einen Ort, der einfach da ist.
Er ist einfach.
Und der Zugang zu diesem Ort ist erstaunlich schlicht: unser Atem.
Er geschieht nur jetzt.
Ein Atemzug… und noch einer… und noch einer…und wir treten ein in diesen Raum des Gegenwärtig-Seins.
Vielleicht kennen wir diesen Raum aus der christlichen Tradition als den Ort, an dem Gott nicht gedacht, sondern erfahren wird. Nicht im Wort, sondern im Sein. Nicht im Tun, sondern im Dasein.
„ Still werden und erfahren, dass mehr in dir lebt, als du denkst.
Diese Einladung ist keine Aufforderung, etwas zu leisten. Sondern eine Einladung, aufzuhören.
Aufzuhören, innerlich unterwegs zu sein. Aufzuhören, etwas erreichen zu wollen. Aufzuhören, sich selbst erklären zu müssen.
Der Atem führt uns genau dorthin.
Mit jedem Einatmen empfangen wir das Leben neu. Mit jedem Ausatmen lassen wir los, was wir nicht festhalten müssen.
Und langsam wird erfahrbar: Wir müssen diesen Moment nicht herstellen. Er ist bereits da.
Wir dürfen einfach darin sein.
Vielleicht tauchen Gedanken auf. Bilder. Fragen. Das ist in Ordnung.
Wir müssen ihnen nicht folgen. Wir dürfen sie weiterziehen lassen – wie Wolken am Himmel.
Und immer wieder sanft zurückkehren: Zum Atem.
Zum Jetzt. Zum Sein.
In dieser Haltung der Offenheit, der Einfachheit, der inneren Stille, lassen wir nun die Worte des Gedichts von Rose Ausländer in uns anklingen.
Nicht um sie zu verstehen. Sondern, um sie in uns wirken zu lassen.
«In meinen Tiefträumen weint die Erde Blut Sterne lächeln in meinen Augen kommen Menschen mit vielfarbenen Fragen Geht zu Sokrates antworte ich Die Vergangenheit hat mich gedichtet Ich habe die Zukunft geerbt Mein Atem heisst Jetzt
Und nun lassen wir auch die Worte los… und gleiten gemeinsam in die Stille
Kontemplatives Sitzen, 3. Februar 2026 - JK




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