Zwiesprache mit der Seele
- Jörg Kyburz
- 13. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Es gibt Phasen im Leben, in denen unser Geist zu überlaufen droht. Körperliche Erfahrungen, soziale Begegnungen, Gedanken im Überfluss. Geduld und Zeit können helfen, uns wieder mit der eigenen Seele zu verbinden.
In den Wochen und Monaten nach der vierten Vollnarkose innerhalb von zwei Jahren kam ich mir oft vor wie eine Hydra: Entweder fühlte ich mich völlig leer oder komplett überfüllt. Beide Zustände waren wenig erquicklich und nährten das Gefühl von Unsicherheit.
Bücher, Begegnungen, Erfahrungen, körperliche Tätigkeiten – alles war zu viel und machte mich noch matter. Am belastendsten war die leise, aber wiederkehrende Stimme der Selbstverurteilung:
«Was tust du so eigenartig wegen dieser kleinen körperlichen Unstimmigkeiten? Mit deinen Erfahrungen müsstest du das doch locker im Griff haben.»
Vieles geschieht von selbst – und welch Wunder, sogar richtig, sofern wir vertrauen und dem Entstehen Raum schenken. Ich muss meinen Zustand weder verstehen noch einordnen können. So wie schmutziges Wasser durch Bewegung nur noch trüber wird, wird auch alles, was wir sofort erklären wollen, oft noch schwieriger. Einmal mehr durfte ich erfahren, wie wichtig die Zwiesprache mit der Seele ist. Doch diese braucht Geduld, einfaches Sein und vor allem viel Stille.
Wenn nichts Neues mehr dazukommt, entsteht Raum für die Verinnerlichung dessen, was bereits da ist. Zwischen Erfahrung und Erkenntnis braucht es Verarbeitungszeit – ein Sich-setzen-Lassen, ein Verinnerlichen. Daraus wächst eine tiefe Erkenntnis: Alles darf genau so sein, wie es ist. Zwei Minuten Stille leeren den Geist, zehn Minuten führen zu ersten Selbstberührungen, längere Phasen der Stille öffnen den Raum zur Seele. Einsicht darf sich zeigen, der Weg sich öffnen.
Solche Prozesse sind langsam und gründlich – für ungeduldige Menschen nicht einfach. Das Schwierigste ist zu erkennen, dass diese Reinigung von selbst geschieht, sobald ich aufhöre, das, was ist, verändern zu wollen. Dieser Prozess verläuft im Innern. Keine guten Ratschläge, keine weisen Sprüche helfen hier weiter. In diesen Momenten braucht es den Mut zu einem Nein zur Welt und zu einem Ja zu mir selbst – ein Ja, das ich mir immer wieder neu erarbeiten darf. Hingabe, Demut, Musse und schliesslich das Seinlassen des so vertrauten Aktivismus, alles kontrollieren zu wollen.
Das Wichtigste, was ich mir schenken kann, ist: nichts zu tun. Mich so auszuhalten und anzuerkennen, wie ich bin. In der Stille dürfen wir erfahren, was uns nährt und was nicht. So zeigt uns die Zwiesprache mit der Seele immer wieder einen möglichen Weg – einen Weg, der umso klarer wird, je mehr Zeit wir der Stille schenken.




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