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Vorstellung, Wunsch, Begierde und Abneigung

  • Autorenbild: Jörg Kyburz
    Jörg Kyburz
  • vor 8 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Der ehemalige Sklave und spätere philosophische Lehrer Epiktet schrieb einen ebenso einfachen wie kraftvollen Satz:


Die einen Dinge stehen in unserer Gewalt, die anderen nicht.


In unserer Gewalt stehen unsere Vorstellungen, unsere Wünsche, unsere Begierden und unsere Abneigungen – mit einem Wort: alles, was in unserem Inneren entsteht und von uns beeinflusst werden kann. Nicht in unserer Gewalt stehen unser Körper in seiner Vergänglichkeit, unser Besitz, unser Ansehen, unser Reichtum – also vieles von dem, woran wir uns im Alltag festhalten.


Dieser Gedanke gehört zum Kern der Stoa, jener philosophischen Schule, die sich nach Sokrates entwickelte und das Denken der Antike nachhaltig prägte. Doch bei näherem Hinsehen ist er zeitlos. Er spricht direkt in unser heutiges Leben hinein.


Zufrieden leben heisst nicht, alles im Griff zu haben. Zufrieden leben heisst vielmehr, zu unterscheiden.


Zu unterscheiden zwischen dem, was ich gestalten kann – und dem, was ich loslassen muss. Zwischen dem, was in meinem Inneren entsteht – und dem, was äussere Umstände mit sich bringen.

Wir können nicht verhindern, dass Schwierigkeiten auftauchen. Wir können nicht garantieren, dass wir Erfolg haben, dass andere uns verstehen oder dass unsere Pläne aufgehen.

Aber wir können üben, wie wir innerlich darauf antworten.


Unsere Vorstellungen färben die Wirklichkeit. Unsere Wünsche können uns antreiben – oder gefangen nehmen. Unsere Begierden können Energie schenken – oder Unruhe erzeugen. Unsere Abneigungen können uns schützen – oder verhärten.


Hier beginnt die Übung. Hier beginnt die Meditation.


Wenn wir uns in den kommenden Sitzungen hinsetzen, dann nicht, um die Welt zu verändern. Nicht, um unseren Körper vollkommen zu machen. Nicht, um äussere Sicherheit zu erzwingen.

Wir setzen uns, um unser Inneres kennenzulernen. Um zu bemerken, wie Vorstellungen auftauchen. Wie Wünsche entstehen.Wie Abneigung sich zeigt.


Und um zu erfahren, dass zwischen Reiz und Reaktion ein Raum liegt.

In diesem Raum liegt unsere Freiheit.


Ob wir ein äusseres Ziel erreichen – Erfolg, Geld, Anerkennung –, liegt nie vollständig in unserer Hand. Doch ob wir unser persönliches Glück daran knüpfen, das entscheiden wir selbst.

Wir können lernen, Erfolg zu begrüssen, ohne uns daran zu verlieren. Wir können lernen, Misserfolg zu erleben, ohne daran zu zerbrechen.

So wird Gelassenheit nicht Gleichgültigkeit, sondern eine Form innerer Würde.


Der Buddha drückte es auf seine Weise so aus:

„Anhaften bringt Leid, Loslassen bringt Frieden.“

Oder in den Worten aus dem Dhammapada:


„Der Geist ist allem voran. Was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken.“


Vielleicht ist dies die Brücke zwischen Stoa und Buddhismus: Nicht die Welt macht uns unfrei – sondern das Festhalten an ihr. Nicht der Wunsch an sich ist das Problem – sondern das Verhaften darin.


Diese Meditation möge uns helfen, genau das zu erkennen. Nicht um etwas zu unterdrücken. Nicht um etwas zu bekämpfen.

Sondern um klar zu sehen.

Und vielleicht, Schritt für Schritt, innerlich freier zu werden.


Kontemplatives Sitzen, 17. Februar 2026 - JK

 
 
 

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