Gerechtigkeit
- Jörg Kyburz
- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit
Gerechtigkeit führt zum Leben; aber dem Bösen nachjagen führt zum Tode.– Sprüche 11,19
Es ist nicht immer so klar, was gerecht und was ungerecht ist.
Was uns auf den ersten Blick eindeutig erscheint, beginnt bei näherem Hinsehen zu wanken. Perspektiven verschieben sich, Bedürfnisse treten hervor, und das, was richtig scheint, wird plötzlich vielschichtig.
Vielleicht lassen wir uns von der nachfolgenden kleinen Geschichte berühren.
Im Bilderbuch „Zwei für mich – einer für dich“ streiten sich ein Bär und ein Wiesel darüber, wie drei Pilze gerecht verteilt werden sollen.Der Bär, gross und kräftig, ist überzeugt: Schon aufgrund seiner Erscheinung brauche er mehr – also zwei Pilze für sich.Das Wiesel hingegen, klein und noch im Wachsen, argumentiert mit ebenso viel Überzeugung: Gerade weil es klein sei, brauche es mehr Nahrung.
So stehen sich zwei Wahrheiten gegenüber.
Zwei Sichtweisen, beide verständlich.
Zwei Bedürfnisse, beide berechtigt.
Wer hat recht?
Wenn Kinder diese Geschichte hören, stellen sie sich oft auf die Seite des Wiesels.
Vielleicht, weil das Kleine Schutz verdient.
Vielleicht, weil wir intuitiv spüren, dass Schwächere besondere Aufmerksamkeit brauchen.
Doch die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung.
Ein Fuchs taucht auf – still, geschickt – und schnappt sich den dritten Pilz.
Einfach so.
Plötzlich ist die Empörung gross.
Jetzt scheint die Sache klar: Das ist ungerecht!
Der Fuchs ist der „Böse“.
Und doch geschieht etwas Merkwürdiges:
Das ursprüngliche Problem ist gelöst.
Der Bär und das Wiesel schauen sich an.
Ohne weitere Diskussion nimmt jeder einen Pilz.
Sie essen. Und sie sind zufrieden.
Später gibt es sogar noch einen kleinen Nachtisch: drei Erdbeeren …
Vielleicht lädt uns diese einfache Geschichte dazu ein, still zu werden und tiefer zu schauen.
Was ist Gerechtigkeit wirklich?
Ist sie das Aufteilen nach Bedarf?
Nach Stärke?
Nach Gefühl?
Oder liegt sie jenseits unserer Vorstellungen von richtig und falsch?
Manchmal klammern wir uns an unsere Sicht von Gerechtigkeit –und verlieren dabei die Verbindung zum Leben selbst.
Zum gegenwärtigen Moment.
Zum einfachen Sein.
Und manchmal geschieht etwas Unerwartetes –etwas, das nicht in unser Schema passt –und gerade darin löst sich die Spannung.
Nicht, weil es „gerecht“ ist im üblichen Sinn,
Vielleicht liegt darin eine stille Weisheit:
Gerechtigkeit ist nicht immer das, was wir durchsetzen.
Manchmal ist sie das, was entsteht, wenn wir aufhören festzuhalten.
Ein Pilz für dich.
Ein Pilz für mich.
Ein Pilz für uns alle.
Momente des Friedens – oder wie es Thich Nhat Hanh so schön formulierte -
'Der Friede in der Welt beginnt in unseren Herzen'.
Kontemplatives Sitzen, 31. März 2026 - JK




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