Hörende Liebe
- Jörg Kyburz
- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Heute möchte ich euch einladen, über etwas nachzudenken, das uns ganz selbstverständlich erscheint: über das Hören.
Wir hören den ganzen Tag. Geräusche, Stimmen, Worte, Musik. Wir hören einander zu – manchmal aufmerksam, manchmal nur nebenbei.
Doch Hören kann noch etwas anderes bedeuten.
In der Bibel heisst es: «Es wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen.»
Vielleicht liegt darin ein Hinweis auf eine andere Art des Hörens. Auf ein Hören, das nicht nur mit unseren Ohren geschieht.
Unsere äusseren Ohren können wir nicht einfach schliessen. Sie bleiben offen. Stimmen und Geräusche erreichen uns, ob wir wollen oder nicht. Und doch entscheidet sich erst in uns, was wir wirklich hören.
Wir kennen das alle: Jemand spricht zu uns – und trotzdem hören wir nicht wirklich zu. Vielleicht sind wir mit unseren Gedanken bereits bei der Antwort. Vielleicht urteilen wir. Vielleicht beschäftigt uns etwas anderes. Oder wir hören nur das, was wir hören wollen.
Wirkliches Hören verlangt etwas von uns.
Es verlangt, dass wir für einen Moment still werden. Dass wir unsere eigenen Gedanken, Vorstellungen und Antworten etwas zurücknehmen.
Der Text spricht davon, dass die lauteste Stimme, die uns daran hindert zu hören, oft die Angst ist. Wenn Angst unser Denken bestimmt, hören wir vor allem das, was sie uns zuflüstert:
Sei vorsichtig. Schütze dich. Zieh dich zurück. Vertraue nicht.
Und dann werden die anderen Stimmen leiser.
Vielleicht ist deshalb Vertrauen eine Voraussetzung für tiefes Hören.
Vertrauen bedeutet nicht, alles gutzuheissen. Es bedeutet auch nicht, unkritisch zu sein. Vertrauen bedeutet vielmehr, einen inneren Raum entstehen zu lassen, in dem etwas anderes überhaupt gehört werden kann.
Einen Menschen wirklich zu hören, heisst dann: Ich lasse dich für einen Moment sein, wie du bist. Ich muss dich nicht sofort beurteilen. Ich muss dich nicht verändern. Ich muss nicht einmal sofort verstehen.
Ich höre.
Und genau darin kann etwas von Liebe liegen.
Der Text nennt es «hörende Liebe».
Eine Liebe, die nicht zuerst redet. Nicht erklärt. Nicht überzeugen will. Sondern anwesend ist und zuhört.
Und vielleicht gilt dasselbe für unsere Beziehung zu Gott, zum Leben oder zu jenem Geheimnis, das grösser ist als wir.
Auch hier können wir nichts erzwingen.
Wir können nicht verlangen, dass eine Antwort kommt. Wir können nicht bestimmen, wie sie aussehen soll. Wir können nur einen Raum schaffen, in dem etwas hörbar werden könnte.
Darum braucht Hören Stille.
Nicht unbedingt die völlige Abwesenheit von Geräuschen. Sondern jene innere Stille, in der wir für einen Moment aufhören, alles einordnen, erklären und kontrollieren zu wollen.
Der Text sagt sinngemäss: Es ist die Zeit, in der alles Hören zu einer liebenden Stille wird.
Können wir mit genau dieser Haltung nun in unsere Kontemplation gehen.
Nicht mit der Frage: Was muss ich heute erfahren?
Nicht mit der Erwartung: Was soll geschehen?
Sondern ganz einfach mit der Bereitschaft:
Ich bin da. Ich werde still. Ich öffne mich. Und ich höre.
Hören wir unseren Atem. Hören wir die Geräusche um uns herum. Hören wir unsere Gedanken und Gefühle.
Lasst uns hinter all dem etwas entdecken, das keine laute Stimme braucht.
Einen Raum des Vertrauens. Einen Raum, in dem wir nichts leisten müssen. Einen Raum, in dem wir einfach hörend gegenwärtig sein dürfen.
Hörende Liebe.
Und aus dieser Haltung heraus gehen wir nun gemeinsam in die Stille.
Kontemplatives Sitzen, 25.08.2026 – JK




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