Was mich die Natur lehrt
- Jörg Kyburz
- vor 8 Stunden
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Als ich vor einiger Zeit früh am Morgen durch den Wald ging, war noch niemand unterwegs. Die Luft war kühl, die Blätter noch feucht vom Tau. Es war erstaunlich still. Nicht diese absolute Stille, in der nichts mehr hörbar ist, sondern eine lebendige Stille. Eine Stille, in der jeder Laut seinen Platz hat.
Ein Vogel begann zu singen. Irgendwo knackte ein Ast. Ein leichter Wind strich durch die Baumkronen. Und plötzlich wurde mir bewusst: Die Natur versucht gar nicht, still zu sein. Sie ist einfach ganz da.
Kein Baum fragt sich, ob er heute genug leistet. Kein Bach vergleicht sich mit einem anderen Bach. Keine Blume blüht früher oder später, um jemandem zu gefallen. Alles folgt seinem eigenen Rhythmus.
Vielleicht ist das eine der grossen Lehren der Natur.
Sie lädt uns ein, nicht ständig jemand werden zu müssen. Sie erinnert uns daran, dass Leben nicht nur im Tun geschieht, sondern ebenso im Sein.
Der Wald verlangt nichts von mir. Er erwartet keine Antwort. Er bewertet mich nicht. Er empfängt mich einfach so, wie ich gerade bin.
Und vielleicht geschieht genau dort etwas, das wir im Alltag so leicht verlieren: Wir kommen wieder in Berührung mit uns selbst.
Im Zen sagt man manchmal, dass wir den Geist so ruhig werden lassen dürfen wie einen stillen See. Erst wenn sich die Oberfläche glättet, wird sichtbar, was sich darin spiegelt.
Auch die christliche Tradition kennt diesen Gedanken. Im Buch der Könige begegnet Elija Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Er begegnet ihm im sanften, leisen Säuseln.
Vielleicht spricht das Leben am deutlichsten, wenn wir selbst leiser werden.
Die Natur muss uns dazu nichts erklären. Sie lebt es uns jeden Tag vor.
Ein Baum steht mit tiefen Wurzeln im Boden und streckt gleichzeitig seine Äste dem Himmel entgegen. Vielleicht erinnert er uns daran, beides zu sein: gut verwurzelt im Hier und Jetzt und gleichzeitig offen für das, was grösser ist als wir selbst.
Wenn wir nun in die Stille gehen, müssen wir nichts erreichen. Wir müssen keine besondere Erfahrung machen. Wir dürfen einfach hier sein – so wie der Wald einfach Wald ist, der Himmel Himmel und der Atem Atem.
Vielleicht entdecken wir dabei, dass die Stille gar nicht leer ist.
Vielleicht ist sie erfüllt von Leben.
Vielleicht begegnen wir darin nicht nur uns selbst, sondern auch jener stillen Gegenwart, die uns trägt – unabhängig davon, welchen Namen wir ihr geben.
Lassen wir uns nun von der Stille empfangen.
…
Kontemplatives Sitzen, 07. Juli 2026 - JK




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