Nichts müssen
- Jörg Kyburz
- vor 9 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Eine Schülerin fragte ihren Meister:
«Wie lange wird es dauern, bis ich erleuchtet bin?»
Der Meister antwortete: «Vielleicht zehn Jahre.»
Die Schülerin war ehrgeizig und fragte weiter:
«Und wenn ich mich besonders anstrenge? Wenn ich alles dafür tue?»
Der Meister lächelte und sagte:
«Dann wird es wohl zwanzig Jahre dauern.»
Diese kleine Zen-Geschichte wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich.
Wir sind es gewohnt, dass Anstrengung zum Ziel führt. Wir lernen früh, uns zu bemühen, uns zu verbessern, vorwärtszukommen. Vieles in unserem Leben verdanken wir genau dieser Fähigkeit. Und doch gibt es Bereiche des Lebens, die sich unserer Kontrolle entziehen.
Liebe lässt sich nicht erzwingen.
Vertrauen lässt sich nicht erzwingen.
Frieden lässt sich nicht erzwingen.
Und auch die Stille lässt sich nicht erzwingen.
Je mehr wir sie festhalten wollen, desto weiter entfernt sie sich.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb uns die Übung des stillen Sitzens manchmal so schwerfällt.
Wir setzen uns hin und bemerken, dass der Geist nicht ruhig wird.
Gedanken tauchen auf. Erinnerungen, Pläne, Sorgen, Hoffnungen, Innere Gespräche. Und oft beginnt sofort ein heimlicher Kampf.
Wir möchten die Gedanken loswerden. Wir möchten endlich still werden.
Wir möchten dort ankommen, wo wir glauben sein zu sollten.
Doch vielleicht liegt genau darin die eigentliche Unruhe.
Im stillen Sitzen müssen wir nichts erreichen.
Es gibt kein Ziel, das heute Abend erreicht werden müsste. Keinen Zustand, den wir herstellen müssten. Keine besondere Erfahrung, die eintreten sollte.
Die Einladung besteht vielmehr darin, diesem Augenblick zu erlauben, genau so zu sein, wie er ist.
Vielleicht spüren wir den Atem, vielleicht hören wir Geräusche, vielleicht nehmen wir wahr, wie der Körper auf dem Kissen oder dem Stuhl ruht, vielleicht bemerken wir auch Unruhe. Alles darf da sein.
Im Zen sagt man manchmal:
Lass die Dinge kommen, lass die Dinge gehen, Finde heraus, was bleibt.
Gedanken kommen, Gedanken gehen, Gefühle kommen, Gefühle gehen,
Empfindungen kommen - Empfindungen gehen.
Wie Wolken am Himmel ziehen sie durch unser Bewusstsein. Keine Wolke bleibt. Keine Wolke kann festgehalten werden. Der Himmel aber bleibt.
Weit, offen, unberührt.
Vielleicht müssen wir heute Abend gar nichts tun.
Vielleicht genügt es, der Himmel zu sein und nicht jede Wolke.
Einfach wahrnehmen, einfach gegenwärtig sein, immer wieder freundlich zurückkehren. Nicht mit Härte, nicht mit Disziplin, nicht mit Druck.
Sondern mit derselben Geduld, mit der eine Mutter ihr Kind an die Hand nimmt. Mit derselben Freundlichkeit, mit der man einem guten Freund begegnet. Vielleicht entdecken wir dabei etwas Erstaunliches:
Dass wir nicht erst jemand anderes werden müssen.
Dass wir nicht erst vollkommener werden müssen.
Dass wir nicht erst irgendwo ankommen müssen.
Das Leben geschieht bereits, dieser Atemzug, dieser Augenblick, dieses Sitzen, dieses einfache Da-Sein.
Und vielleicht beginnt Frieden genau dort, wo das ständige Werdenwollen für einen Moment zur Ruhe kommt.
Nicht indem wir etwas hinzufügen.
Sondern indem wir aufhören, etwas festhalten zu müssen.
So lade ich euch ein, für die kommende Zeit alles für einen Moment aus den Händen zu legen.
Die Pläne, die Erwartungen, die Aufgaben, die Fragen.
Und euch selbst mit derselben Offenheit zu begegnen, mit der der Himmel den Wolken begegnet.
Nichts zurückweisen.
Nichts festhalten.
Nichts erreichen müssen.
Einfach sitzen.
Einfach atmen.
Einfach sein.
…
Kontemplatives Sitzen, 09. Juni 2026 - JK




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