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Tabus

  • Autorenbild: Jörg Kyburz
    Jörg Kyburz
  • vor 13 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

Wie gehen wir heute mit Tabus und Tabubrüchen um?


Manchmal scheint es, als gäbe es heute kaum noch Grenzen. Dinge, die früher unaussprechlich waren, werden öffentlich gesagt. Werte verschieben sich. Regeln verlieren an Bedeutung. Und oft entsteht der Eindruck: Alles ist erlaubt, alles ist möglich.

Viele Politiker missbrauchen den Tabubruch heute ungeniert, um zu polemisieren. Doch eigentlich geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: um die Frage, was ein menschliches Zusammenleben trägt.

Tabus sind mehr als Verbote. Sie sind oft unausgesprochene Grenzen, die schützen sollen. Sie entstehen nicht zufällig. Sie helfen einer Gemeinschaft, Orientierung zu finden. Sie markieren Bereiche, in denen Respekt, Würde und Rücksicht wichtig sind. Viele dieser Regeln müssen gar nie ausgesprochen werden – wir spüren sie intuitiv.

Doch sind Tabus grundsätzlich sinnvoll? Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch: Manche Tabus haben Menschen verletzt, ausgegrenzt oder beschämt. Vieles, worüber früher nicht gesprochen werden durfte – psychische Erkrankungen, Sexualität, Krankheit oder Sterben – darf heute offener angeschaut werden. Das kann heilend sein. Schweigen schützt nicht immer. Manchmal macht es Dinge erst schwerer.

Und genau hier entsteht ein interessanter Blickwinkel:

Welche Grenzen dienen dem Leben – und welche engen das Leben ein?

Wo braucht es mehr Offenheit? Und wo verlieren wir etwas Wichtiges, wenn gar nichts mehr heilig ist?

Vielleicht spüren viele Menschen heute deshalb auch eine gewisse Verunsicherung. Wenn alles verhandelbar wird, fehlt manchmal Orientierung. Wenn jede Grenze sofort infrage gestellt wird, entsteht nicht nur Freiheit, sondern manchmal auch Haltlosigkeit.

In der Kontemplation begegnen wir solchen Fragen nicht primär über Meinungen oder Diskussionen. Wir begegnen ihnen zuerst in der Stille.

Wenn wir still werden, erkennen wir oft: Nicht jede Grenze kommt von aussen.

Manche Grenzen entstehen in uns selbst.

Unsere Bewertungen. Unsere inneren Regeln. Unsere Ängste. Unser Wunsch, dazuzugehören - oder auch unsere Angst, ausgeschlossen zu werden.

Zen lädt uns ein, hinzuschauen:

Wo bin ich eng geworden?

Wo urteile ich vorschnell?

Wo halte ich an Vorstellungen fest? Und wo wäre mehr Offenheit möglich?

Doch Zen fragt auch: Was ist wirklich wesentlich? Was verdient Respekt? Was sollte nicht achtlos behandelt werden?

Vielleicht geht es nicht darum, alle Tabus abzuschaffen oder neue aufzubauen. Vielleicht geht es vielmehr um Bewusstheit. Um eine innere Haltung, die weder blind verurteilt noch gedankenlos alles erlaubt.

Eine Haltung, die wach bleibt – mitfühlend - klar. Und still genug, um zu spüren, was dem Leben dient.

Vielleicht ist genau dies der Weg der Kontemplation: Nicht sofort urteilen. Nicht sofort reagieren. Sondern zuerst wahrnehmen.

Und in dieser Wahrnehmung kann etwas sehr Kostbares entstehen:

Eine Form von innerer Ethik, die nicht aus Angst entsteht, sondern aus Verbundenheit.

Oder einfacher gesagt: Nicht alles, was möglich ist, muss getan werden. Und nicht alles, was still ist, ist unterdrückt.

Manches wird erst in der Stille wirklich fassbar.

Kontemplatives Sitzen, 13. Mai 2026 - JK

 
 
 

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