Was wir nicht wählen können
Was wir nicht wählen – und was dennoch in unserer Hand liegt
Manchmal verändert sich unser Leben von einem Augenblick auf den anderen.
Eine Krankheit, ein Verlust, eine Trennung oder eine andere Krise kann alles infrage stellen, was uns bisher Sicherheit und Halt gegeben hat.
Manchmal taucht dann die Frage auf:
Warum geschieht das gerade mir?Warum jetzt?Warum trifft es diesen Menschen – und nicht einen anderen?
Auf manche dieser Fragen finden wir keine Antwort. Das Leben folgt nicht immer einer Ordnung, die wir verstehen können. Es verteilt Glück und Leid nicht nach Gerechtigkeit. Auch ein achtsames, freundliches und verantwortungsvolles Leben schützt uns nicht vor schmerzhaften Erfahrungen.
Vieles können wir nicht wählen.
Wir können nicht bestimmen, was uns begegnet. Wir können einen Verlust nicht ungeschehen machen. Und wir müssen das Schwere auch nicht schönreden oder sofort etwas Positives darin erkennen.
Trauer darf Trauer sein.Schmerz darf schmerzen.Ohnmacht darf für einen Moment da sein.
Und dennoch gibt es etwas, das uns niemand ganz nehmen kann: die Möglichkeit, mit der Zeit eine eigene Antwort auf das Geschehene zu finden.
Genau darin liegt ein Stück unserer Freiheit.
Nicht in der Kontrolle über das Leben, sondern in der Art, wie wir ihm begegnen.
Wir dürfen uns fragen:
Was brauche ich jetzt? Was trägt mich durch diese Zeit? Was ist trotz allem noch möglich? Und welchen kleinen Schritt kann ich heute selbst tun?
Manche Menschen entdecken in einer Krise Fähigkeiten, die ihnen zuvor nicht bewusst waren. Sie lernen, für sich einzustehen, Hilfe anzunehmen oder Entscheidungen zu treffen. Sie erfahren, dass sie mehr tragen und bewältigen können, als sie sich jemals zugetraut hätten.
Andere erkennen neu, welche Menschen wirklich an ihrer Seite stehen. Beziehungen können ehrlicher und tiefer werden. Manchmal verändert sich auch der Blick auf das Leben: Das Wesentliche wird klarer, Dankbarkeit erhält eine neue Bedeutung und Selbstverständliches wird wieder kostbar.
In der Psychologie spricht man von posttraumatischem Wachstum, wenn ein Mensch nach einer schweren Erfahrung nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehrt, sondern innerlich an dem Erlebten wächst.
Doch dieses Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Es ist keine Pflicht und kein Massstab dafür, wie gut jemand eine Krise bewältigt.
Es geschieht langsam.
Vielleicht beginnt es mit einem kaum wahrnehmbaren Moment; mit einem Atemzug, einem Gespräch, einer Entscheidung oder der leisen Erkenntnis:
Ich bin noch da. Ich kann etwas tun. Mein Leben ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Aus dieser Erfahrung kann neues Vertrauen entstehen – nicht das Vertrauen, dass uns nichts Schweres mehr begegnen wird, sondern das Vertrauen, dass wir dem Leben auch dann begegnen können, wenn es anders kommt, als wir es uns gewünscht haben.
Oft müssen wir den Sinn einer schmerzhaften Erfahrung nicht sofort erkennen. Meist zeigt er sich erst viel später. Und vielleicht besteht der Sinn manchmal lediglich darin, bewusster, mitfühlender und wahrhaftiger zu leben.
Für unsere Meditation können wir deshalb heute eine Frage mit in die Stille nehmen:
Was in meinem Leben kann ich nicht verändern – und wie möchte ich ihm begegnen?
Wir müssen darauf keine schnelle Antwort finden.
Wir dürfen die Frage einfach in uns ruhen lassen.
Lasst uns dabei spüren:
Ich bin nicht nur das, was mir widerfahren ist. Ich bin auch der Mensch, der heute darauf antworten kann.
Atemzug für Atemzug. Schritt für Schritt.
In meinem eigenen Tempo.
Kontemplatives Sitzen, 06.10.2026 – JK




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