Wir müssen nicht vollkommen sein
Wir stehen am Anfang des Novembers. Am 01.11.26 war Allerheiligen, am 02.11.26 war Allerseelen. Zwei Tage, an denen in der christlichen Tradition besonders an jene Menschen gedacht wird, die vor uns gelebt haben.
In einem Text, den ich kürzlich gelesen habe, stellte eine Ordensschwester eine interessante Frage:
«Willst du heilig werden?»
Eine Frage, mit der wir vermutlich nicht besonders viel anfangen können. Heilig werden? Das klingt nach etwas Grossem, nach einem besonders guten, vielleicht sogar vollkommenen Menschen. Und wer von uns könnte schon behaupten, vollkommen zu sein?
Die Ordensschwester erzählt in ihrem Text von Menschen, die von der Kirche heiliggesprochen wurden. Menschen, die viel Gutes getan haben, die sich für andere eingesetzt und ihren Glauben gelebt haben.Doch auch diese Menschen waren nicht vollkommen. Sie hatten ihre Schwächen, machten Fehler, waren manchmal ungeduldig, ungerecht oder vielleicht auch einmal wütend.
Eigentlich waren sie Menschen wie wir.
Mich hat dieser Gedanke angesprochen.
Wie oft haben wir das Gefühl, wir müssten anders sein, als wir sind?Geduldiger, verständnisvoller, grosszügiger. Wir möchten weniger urteilen, uns weniger ärgern, gelassener mit schwierigen Situationen umgehen.Und manchmal gelingt uns das auch ganz gut.Doch dann kommt ein Moment, in dem wir ungeduldig werden. Jemand sagt etwas, das uns verletzt. Wir reagieren ärgerlich, obwohl wir uns vorgenommen hatten, ruhig zu bleiben.
Oft merken wir erst später, dass unsere Reaktion nicht besonders hilfreich war.Und schon sind wir unzufrieden mit uns selbst.Dabei gehört genau das zu unserem Menschsein.Wir sind nicht vollkommen. Und wir müssen es auch nicht sein.
Im Text der Ordensschwester findet sich ein schöner Gedanke: Heiligkeit bedeutet nicht, niemals Fehler zu machen. Vielmehr geht es darum, immer wieder neu anzufangen und sich dem Guten zuzuwenden.Das gefällt mir.Denn es nimmt uns den Druck, etwas Besonderes leisten oder ein besserer Mensch werden zu müssen.Vielleicht geht es vielmehr darum, aufmerksamer zu werden für das, was gerade geschieht.Zu bemerken, wenn wir ungeduldig sind.Wahrzunehmen, wenn wir über einen anderen Menschen urteilen.Zu erkennen, wenn wir uns selbst unter Druck setzen.Und all das zunächst einmal so anzunehmen, wie es ist.
Ohne uns dafür zu verurteilen.
In der Achtsamkeit üben wir genau diese Haltung. Wir versuchen nicht, unsere Gedanken und Gefühle zu verändern oder zu verdrängen. Wir lernen vielmehr, ihnen mit Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen.Das klingt einfach. Und doch wissen wir alle, wie schwierig es manchmal sein kann.
Besonders dann, wenn wir mit uns selbst nicht zufrieden sind.
Ein weiterer Gedanke aus dem Text hat mich berührt:
Das Gute beginnt oft im Kleinen.
Dort, wo wir jemandem verzeihen.
Wo wir einem Menschen Mut zusprechen.
Wo wir helfen, obwohl es vielleicht gerade nicht besonders gut in unseren Tagesablauf passt.
Oder wo wir einfach zuhören, ohne gleich einen Ratschlag geben zu wollen.
Es braucht dazu keine grossen Taten.
Manchmal genügt ein freundlicher Blick, ein verständnisvolles Wort oder ein wenig Geduld. Und vielleicht beginnt das Gute sogar noch früher.
Nämlich dort, wo wir lernen, mit uns selbst freundlicher umzugehen.Denn wenn wir unsere eigenen Schwächen annehmen können, fällt es uns möglicherweise auch leichter, die Unvollkommenheit anderer Menschen zu akzeptieren.Wir müssen nicht immer recht haben. Wir müssen nicht alles verstehen. Und wir müssen auch nicht auf alles eine Antwort haben. Wir dürfen Menschen sein, die unterwegs sind. Menschen, die lernen, die Fehler machen und die immer wieder neu beginnen können.
Für unsere heutige Kontemplation möchte ich uns deshalb einen einfachen Gedanken mitgeben:
«Ich darf so sein, wie ich bin.»
Lassen wir diesen Satz einen Moment auf uns wirken.
Wie fühlt sich das an? Kann ich mir selbst zugestehen, nicht vollkommen zu sein? Kann ich meine Schwächen, meine Unsicherheiten und vielleicht auch meine Fehler als Teil meines Menschseins annehmen? Nicht, weil alles, was ich tue, richtig ist. Sondern weil ich mich nicht zuerst verändern muss, um mir selbst mit Freundlichkeit begegnen zu dürfen. Vielleicht entdecken wir in der Stille, dass wir gar nicht so viel tun müssen. Dass wir nichts erreichen und niemandem etwas beweisen müssen. Dass wir einfach da sein dürfen. Mit allem, was uns gerade ausmacht. Und vielleicht entsteht aus diesem Annehmen ganz von selbst etwas mehr Offenheit, Verständnis und Mitgefühl. Für uns selbst und für die Menschen um uns herum. Nehmen wir diesen Gedanken mit in die Stille:
Ich darf so sein, wie ich bin.
Und auch die anderen dürfen so sein, wie sie sind.
Kontemplatives Sitzen, 03.11.2026 – JK




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