Es kann sein, dass ich mich irre
Ich gebe uns heute einen einfachen Satz mit in die Stille:
«Es kann sein, dass ich mich irre.»
Lassen wir diesen Satz einen Moment auf uns wirken.
Wie fühlt es sich an, das zu sagen?
Vielleicht entsteht etwas Weite. Vielleicht regt sich Widerstand. Vielleicht die Sorge, an Sicherheit zu verlieren.
Wir haben unsere Erfahrungen gemacht. Wir haben nachgedacht, gelernt und uns eine Meinung gebildet. Es gibt Gründe dafür, dass wir die Welt so sehen, wie wir sie sehen.
Und doch bleibt unser Blick begrenzt.
Wir kennen einen Menschen oft nur in wenigen Ausschnitten. Wir hören einen Satz und glauben zu wissen, wie er gemeint war. Wir erleben eine Enttäuschung und meinen zu erkennen, wie jemand ist.
Oft wird aus einer Erfahrung ein Urteil. Und aus einem Urteil eine Gewissheit.
«So ist es.»«So bist du.»«Ich weiss es.»
Die buddhistische Tradition lädt uns ein, dieses Festhalten zu bemerken. Thich Nhat Hanh spricht davon, nicht an den eigenen Ansichten zu haften. Lernbereit zu bleiben. Den Erfahrungen anderer Menschen Raum zu geben.
Auch die christliche Tradition kennt diese Einladung.
Paulus schreibt: «Denn Stückwerk ist unser Erkennen.»
Das gilt auch für mich. Für meine Sicht auf andere. Für meine Sicht auf mich selbst. Und für meine Vorstellungen von Gott und dem Universum.
Jesus erzählt vom Splitter im Auge des anderen und vom Balken im eigenen Auge. Wie leicht fällt mir auf, wo andere sich täuschen. Wie viel schwerer erkenne ich meine eigenen blinden Flecken.
«Es kann sein, dass ich mich irre.»
Dieser Satz bewusst wahrgenommen kann Begegnungen verändern.
Ich frage noch einmal nach.
Ich höre zu, ohne meine Antwort schon vorzubereiten.
Ich entdecke, dass der andere etwas sieht, das mir bisher verborgen geblieben ist.
Dabei darf ich einen klaren Standpunkt haben. Ich darf Unrecht benennen und Grenzen setzen. Zugleich kann ich prüfen, ob ich den Menschen vor mir wirklich verstanden habe.
Was würde geschehen, wenn diese Bereitschaft auch dort mehr Raum bekäme, wo über Krieg und Frieden entschieden wird?
Kriege haben viele Ursachen. Ein einzelner Satz wird sie nicht auflösen. Doch wo Menschen einander nur noch als Feinde sehen und die eigene Sicht für unfehlbar halten, wird Verständigung schwer.
Die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen, hält Türen offen.
Unsere Übung beginnt dort, wo wir selbst Einfluss haben. In einem Gespräch. In einem Konflikt. In dem Augenblick, in dem wir merken, wie sehr wir recht behalten wollen.
In der Kontemplation können wir dieses Festhalten erforschen.
Ein Gedanke taucht auf. Vielleicht eine Erinnerung, ein Urteil, eine innere Auseinandersetzung. Wir bemerken, wie wir weiterdenken, begründen, verteidigen.
Sobald wir es wahrnehmen, dürfen wir innehalten.
Wir spüren den Boden.
Wir spüren unseren Körper.
Wir nehmen den Atem wahr.
Für diesen Moment darf die Frage offenbleiben.
Vielleicht liegt darin eine stille Form von Demut: anzuerkennen, dass ich nicht alles sehe. Dass ich lernen darf. Dass auch der Mensch, den ich schwer verstehe, mir etwas zu sagen haben könnte.
Heute müssen wir diesen Gedanken nicht weiter ausarbeiten. Wir dürfen ihn mitnehmen bis ins Eintauchen in die Stille:
«Es kann sein, dass ich mich irre.»
Und dann lassen wir auch diesen Satz los.
Wir sitzen.
Wir atmen.
Wir sind da.
Kontemplatives Sitzen, 20.10.2026 – JK




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